Prolog "Die Einbalsamiererin"

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Prolog

 

Connies Herz schlug bis zum Hals.

Passierte das wirklich?

War sie mitten in der Nacht in einem Bestattungsinstitut?

Oder träumte sie im Vollrausch, dass sie sich um eine Leiche kümmern musste?

Im Wandspiegel sah sie, dass es kein Traum war.

Ihr Ebenbild trug einen Schutzanzug.

Es stand vor den Kühlfächern und zitterte wie Espenlaub.

Ja, am liebsten wäre Connie geflüchtet – und umgehend nach Hause gelaufen.

Dann jedoch erinnerte sie sich, dass sie nicht umsonst in „Haus Grau“ war.

Hier würde man sie nicht vermuten.

Hier würde sie der Jäger nicht finden.

Hier war sie sicher – Tote hin oder her.

Connie gab sich einen Ruck.

Sie holte die Leiche aus dem Kühlfach und nahm den Toten ins Visier.

Montrésor Gabél war ein älterer Herr mit einem weißen Haarkranz und einer Adlernase. Sein eingefallener Mund hatte sich über Nacht geöffnet, die Wangen lagen tief in den Höhlen, sein stoppeliges Kinn ragte spitz empor und die blassblauen Augen waren komplett ausgetrocknet.

Connie entfernte das Leichentuch – und sie musterte den Körper.

Gabél war voller Totenflecken, sein aufgeblähter Unterleib grün wie ein Granny Smith: Die Umrisse des Dickdarms zeichneten sich deutlich ab. Außerdem hatte sich die apfelgrüne Verfärbung bereits auf die Brust, den Hals und die Oberschenkel ausgedehnt. Der obere Brustkorb war violett-braun.

Connie erschrak: Obwohl der Ornithologe nicht offiziell an der grassierenden Coronaseuche gestorben war, konnte man nie wissen ...

Sie musste extrem auf der Hut sein.

Denn Gabél verweste bereits.

Und in fünf Stunden kam seine Witwe, um sich von ihm zu verabschieden.

Doch von Gabéls „Perfect Finish“ war Connie meilenweit entfernt.

Als sie Gabél anhob, quoll eine kaffeesatzähnliche Flüssigkeit aus seinem geöffneten Mund, und auf dem Rücken entdeckte sie Blasen mit faulig riechender, blutgefärbter Flüssigkeit.

Connie roch Amine.

Die Haut des Toten war so schlaff wie die einer riesigen, verrottenden Tomate.

Geschockt plumpste Connie auf einen Hocker.

Dann rief sie sich ins Gedächtnis, was sie über Verwesung wusste: Gabel war eine Zweite-Klasse-Leiche. Verfärbt, marmoriert und aufgebläht …

Nein, Gabél war kein Opfer der Seuche.

Unter seiner Haut bildete sich lediglich Gas.

Doch das machte es nicht minder schlimm, denn ihn zu behandeln war eine Herkulesaufgabe.

Connie atmete tief durch.

Sie fuhr ihre Musikdatenbank hoch, wählte die Rock or Bust World Tour von AC/DC bei Spotify, setzte sich Kopfhörer auf, legte den Atlas der Einbalsamierungsflüssigkeiten auf den Tisch, schlüpfte in ihre Handschuhe – und verwandelte sich, kaum dass die ersten Klänge von Shoot To Thrill erklangen – in eine Arbeitsbiene auf Meth.

Innerhalb von zwei Minuten hievte sie den Obduzierten auf den Tisch.

Um 6:11 Uhr sezierte sie Halsschlagader und Drosselvene.

Um 6:13 Uhr – bei Hell Ain’t A Place To Be – studierte Connie die Standardlösung für verwesende Leichen, und gab kurzentschlossen 15 Milliliter von Fischers Erfindung dazu.

Gabéls Kopf wurde sofort rosig.

Um 6:21 Uhr floss die Flüssigkeit durch die Arm-Arterien in seine Hände. Mit rechts füllte sie Gabéls Lippen mit Gewebsbildner auf, mit links massierte sie seine sich rundenden Finger.

Um 6:23 Uhr musterte sie seinen fertigen Mund, und stellte sich – bei Back In Black – vor, wie er als junger Bräutigam seine Frau mit eben diesen Lippen geküsst hatte.

„Sie waren bestimmt mal ein prächtiger Mann“, sagte Connie zu dem Toten – und während sie zu Play Ball wippte, lagerte sie Gabél hoch, füllte Schläfen und Wangen auf, trocknete die fauligen Blasen und verätzte sie mit Phenol.

Um 6:55 Uhr rieb Connie den Toten mit Massagecreme ein, um 7 Uhr behandelte sie ihn mit Schimmelverhinderer, um 7:10 Uhr streute sie Schnittversiegelungs-Pulver in die Wunden, um 7:15 Uhr vernähte sie die Schnitte und um 7:30 Uhr legte sie Autopsie-Gel-Umschläge auf faulende Stellen.

Und nachdem sie um 7:40 Uhr Gabéls abgelöste Haut mit ätzenden Umschlägen getrocknet und zehn Minuten später Chemie in Rumpf, Gesäß und Schultern gepumpt und die schlimmsten Verwesungen um 7:55 Uhr mit Farbe und Feuchtigkeit behandelt hatte, sah Gabél um Punkt acht Uhr bereits ein wenig besser aus.

Um 8.05 Uhr musste Connie pausieren.

Sie löste ihren langen Haarzopf, ergriff ein schmales, dünnes Metallrohr, forderte es albern zum Tanz auf und headbangte zu Thunderstruck.

Um 8:08 Uhr war sie wieder einsatzfähig – und schob das Rohr in Gabéls Nase, um seinen Ausfluss abzusaugen. Anschließend griff sie zur Schere, schnitt seine Nasenhaare kurz, löste Schorf mit Massagecreme und trat zwei große Schritte zurück.

Ihr Werk war unbefriedigend, die Nase plötzlich krumm und schief.

Und nun?

„Es gibt für alles einen Trick“, hatte Fritz Fischer mal gesagt. „Angeknabberte Wangen füllen wir mit Drahtgittern und Wachs auf. Fehlende Augen ersetzen wir durch halbe Ping-Pong-Bälle. Und wenn die Schädeldecke fehlt, greifen wir zu halbierten Bällen und künstlichem Haar oder Hüten und Mützen.“

Aber wie um alles in der Welt hätte Fischer wohl eine Nase begradigt, die im rechten Winkel abstand?  

Connies Augen wanderten über ihre Utensilien.

Hier halfen weder Wachs noch Gips.

Kurzentschlossen griff sie zu Knete, drückte sie in die Nasenlöcher, senkte die Lider und brach Gabéls Nase. Und als sie ihre Augen wieder öffnete, war die Adlernase endlich gerade.

Um 8:18 Uhr – im Takt der Klänge von Hell’s Bells – schlich Connie in den ersten Stock.

Ihr Ziel war das Katzenklo.

Um 8:22 streute sie eine großzügige Schicht Katzenstreu in Gabéls Sarg, und bettete den Toten drauf: „Dank des Streus“, sagte Connie zu Gabél – „bleibt Ihr Sarg nun auslaufsicher. Bedanken Sie sich bei der Katze!“

Um 8:26 Uhr zog sie Gabél an, um 8:33 Uhr füllte sie Watte in alle Öffnungen am Kopf, um 8:48 Uhr verschloss sie den Mund des Toten, um 8:59 Uhr gab sie Gabél den passenden Hautton, um 9:01 pinselte sie Adern und Besenreißer nach, um 9:15 Uhr föhnte sie den Haarkranz und um 9.21 Uhr setzte sie dem drahtigen Vogelkundler, der nun wieder wie ein stolzer Kapitän aussah, seine Goldrandbrille auf.

Dann zog Connie Gabéls Schlips gerade, gab ihm den Ehering zurück, musterte ihr Gesamtkunstwerk und küsste Fischers Wunderbalsam.

Dem Himmel war dank!

Montrésor Gabél war absolut perfekt, und ja, er sah – anders als Connies vorherige Tote – regelrecht beseelt aus.

Jetzt gab es nur noch ein Problem – ihr Jäger durfte sie nicht finden.

Denn wenn er mitbekam, dass sie sich in „Haus Grau“ versteckte, landete sie selbst im Kühlfach.

Connie seufzte.

Und während sie nach der halbleeren Ginflasche griff, und müde auf einen Hocker sank, kehrte die Erinnerung an ihr früheres Leben zurück – und wie sie vor wenigen Wochen in „Haus Grau“ gelandet war …

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Mike Powelz

@mikepowelzJournalist